Roadtrip26

Ab auf die Autobahn. Richtung Berge. Musik-Playlist wechselt sich mit dem Podcast-Ufo ab. Es regnet, aber das ist egal. Endlich wieder „Quality-Time“ mit einem Freund verbringen. Auf den neusten Stand bringen. Die Fernbeziehung nah werden lassen. Wobei die wenigen persönlichen Treffen im Jahr keinen Einfluss mehr auf die Tiefe haben. Wir beginnen da, wo wir aufgehört haben.

Wir waren gemeinsam jung. Jetzt werden wir gemeinsam grau. Irgendwann werden wir gemeinsam unsere Rollatoren schieben.

Runter vom Brenner. Erster Stopp am Pragser Wildsee in Norditalien. Mit Sommer im Kopf gepackt, haben wir leider nur Herbstwetter bekommen. Also direkt einen Touri-Pulli im Souvenirshop kaufen. Eine Runde um den See, um die dringendsten Themen zu besprechen. Anschließend zur ersten Unterkunft, wo uns ein Pony mit Kuhglocke begrüßt. Die nächste Woche geht es quer durch Norditalien, Slowenien, Kroatien und Österreich. Von Hostel zu Hostel. An einem Tag bei Sonnenaufgang ins Mittelmeer springen, am anderen 1800 Höhenmeter auf den Stol. Zwischendurch gut essen. Das Leben genießen. Doch vor allem die Meinung des anderen zu den eigenen Gedanken bzw. Lebensproblemen einholen. Sachen, die bei einer 10-stündigen Wanderung besprochen werden müssen und nicht über das Smartphone.

Wir fahren durch die Landschaften, immer der Sonne entgegen. Hören Musik, eine Mischung aus Nostalgie und Neuem. Schauen aus dem Fenster und hängen unseren Gedanken nach. Atmen gemeinsam durch. Schütteln den Alltag ab. Sind frei.

Freundschaften sind Beziehungen, die Zeit hatten zu wachsen. Sie brauchen Geduld und Vertrauen. Es geht nicht darum, wie ähnlich man sich ist, sondern um den gemeinsamen Weg. Die Erlebnisse, die Momente, die Augenblicke voller Wärme und Spaß. Den Freund im Ganzen annehmen, aufrichtig zuhören und verstehen wollen. Aber gleichzeitig auch offen kritisieren können. Freundschaft ist so komplex und simpel zugleich.

Wenn diese enge Bindung nicht nur über Wochen, Monate oder Jahre, sondern über Jahrzehnte besteht, wird aus Freundschaft Familie. Ich vertraue meinen engsten Freunden, wie meinen Eltern oder meiner Schwester. Sie sind Brüder im Herzen. Ich werde für ewig an ihrer Seite stehen, wie sie an meiner. Es bedarf keiner großen Worte oder Taten. Nur geteilte Erinnerungen, die mit den Jahren zu einem Gefühl der Verbundenheit werden. Ich teile alles mit ihnen und würde ihnen sogar meine Bankdaten geben, weil ich weiß, dass sie in meinem Sinne handeln.

Ich habe das Glück, solche Menschen in meinem Umfeld zu haben. Selbst, wenn unsere Leben für einige Jahre parallel verlaufen sollten, werden wir uns nie verlieren. Wir sind Familie.

„Auch wenn die Verzweiflung noch so stark ist, Freundschaft ist stärker.“

Viet Thanh Nguyen in „Der Sympathisant“

18. Juni 2026