Randfigur
Ich stehe gerne daneben. Ziehe mich raus. Mache mich unsichtbar und verschmelze mit der Wand hinter mir. Keiner nimmt mich wahr. Egal, ob in der eigenen oder in einer fremden Stadt. Ich suche den Trubel, das Leben. Nicht um teilzunehmen oder mich hineinzustürzen, sondern um es aufzusaugen. Irgendwann wird die Erkenntnis kommen. Wenn ich lange genug beobachtet habe, werde ich es verstehen. Zumindest ist das die Hoffnung, die niemals stirbt.
Fasziniert stehe ich in der Metrostation Nyugati pályaudvar in Budapest. Mittwoch früh um 8 Uhr zum Berufsverkehr. Aus allen Himmelsrichtungen strömen sie unterirdisch im Westbahnhof zusammen. Die Lebenswege kreuzen sich ohne Blickkontakt. Jeder befindet sich in seiner Blase. Alle sind müde und scheinbar zu spät dran. Während ich unsichtbar am Rand stehe, fliegen sie vorbei. Ich kann sie quasi denken hören. Höre, wie die Arbeit ruft. Wie die Tagespläne durchdacht werden, wie sie Termine verschieben und Präsentationen nochmal im Kopf durchgehen. Keiner nimmt die Umgebung wahr. Als würden ihre Seelen einfach von einem Ort zum anderen transportiert werden. Ihr Körper ist nur das Taxi. Gedanken sind entweder in der Vergangenheit oder der Zukunft. Im Moment ist ihr Termin schrecklich wichtig und gleichzeitig vollkommen unbedeutend im großen Ganzen.
Die Anordnung der Neonröhren, der Beton sowie die Fliesen sind ein Versuch, emotionslose Struktur ins menschliche Chaos zu bringen. Ein Kontrast, der mich, egal wo, immer wieder zum Anhalten bringt. Wir sind die freien Radikale der Metrostation. Die Naturgewalt im Unnatürlichen.
An solchen Orten herrscht eine Magie. Es knistert vor Anspannung. Der Druck des Individuums ist spürbar. Job, Familie, Studium, die nächste Miete. Endlose Gründe, um genau jetzt so schnell wie möglich von rechts nach links oder umgekehrt zu laufen. Keiner kennt sich. Alle sind dermaßen individuell, dass sie schon wieder gleich sind. Am liebsten würde ich die Zeit kurz anhalten. Einen großen Kreis, Hand in Hand, mit den Anwesenden bilden. Den Menschen gegenüber freundlich anlächeln. Nur wenige Sekunden wirklich wach sein. Kurz Ruhe. Verbindung aufnehmen. Anschließend viel Erfolg und Kraft für den Tag wünschen. Du schaffst das! Eine herzliche Umarmung, bevor die Zeit weiterläuft und wir unsere Pflichten pünktlich erfüllen.
Stattdessen hänge ich ebenso nur meinen Gedanken nach. Stelle mir die Verbundenheit einer Dorfgemeinschaft im Großstadt-Dschungel vor. Mache ein Foto. Schaue auf die Uhr. Laufe schnell weiter, weil ich die nächste Bahn zum Flughafen erwischen muss.
❤
31. Mai 2026
