Trailrunning

Wie ich Schulsport gehasst habe. Jede Bewegung war eine zu viel. Irgendwann war es selbstverständlich, dass ich nur stehe. Egal, ob Handball, Fußball oder Hockey, das Tor war mein Ort. Unser Familienmotto war stets: Sport ist Mord. Und so ist es auch lange geblieben. Bis die Dunkelheit in mir zu erdrückend war, weshalb ich anfing zu laufen. Weg von meiner Angst und dem Todeswunsch, hin zur gedankenlosen Klarheit. Erst bei vollkommener Erschöpfung fühlte ich mich frei. Auf einmal war da mehr als Schmerz. Leichtigkeit und Stolz waren spürbar. Mein Körper passte sich über die Jahre an. Irgendwann war Joggen zu zeitaufwendig, um an die Limits zu kommen. Da kam das Trailrunning in mein Leben.

Mit Gewalt bergauf. Puls konstant auf 190. Am Gipfel kurz vorm Erbrechen. Einen Augenblick die Aussicht wahrnehmen, um anschließend zum Kern des Ganzen zu kommen. Ich fliege über das Geröll bergab. Springe über Wurzeln. Ohne eine Entscheidung treffen zu müssen oder treffen zu können. Da ist keine Zeit zum Denken. Alles geschieht so schnell, dass ich meinen Füßen vertrauen muss. Sie werden ihren Weg finden. Sie haben keine Wahl. Jeder Schritt kann der letzte sein. Nur einmal umknicken und ich falle 21 Meter in die Tiefe. Mein Schädel knackt beim Aufprall auf den Felsen wie eine Walnuss auf. Alles wäre vorbei. Ich wäre erlöst. Das Adrenalin macht mich lebendig. Ich fühle ausnahmsweise mehr als den alltäglichen Druck auf der Brust. Da ist Leichtigkeit. Ja, sogar so etwas wie Glück in mir.

Erst in Lebensgefahr fühlt sich das Leben lebenswert an.

Es ist quasi wie beim Motorradfahren. Da sitzt der Tod immer mit auf der Maschine. Im Gegensatz zum Straßenverkehr ist es meine eigene Verantwortung beim Trailrunning. Die Schlinge liegt dauerhaft um meinen Hals, doch nur wenn ich unfokussiert bin und stürze, zieht sie erbarmungslos zu. Falls ich verunglücke, dann, weil ich persönlich einen Fehler gemacht habe. Meinen Füßen nicht vertraue, zögere oder im Kopf bin, dann wars das. Auf dem Motorrad übersieht mich ein Opa und ich breche mir unschuldig das Genick. Das Gefühl ist ähnlich. Zu wissen, dass es jederzeit vorbei sein kann, fühlt sich richtig an, ist wichtig für mich. Ich bin froh, sterblich zu sein, denn nur auf diese Weise funktioniert das Leben für mich. Wozu das alles, wenn keine Gefahr besteht, dass es plötzlich zu Ende ist?

Ich schreibe diesen Text in der Sicherheit meines langweiligen Büros. In Gedanken fiebere ich dem Sonntag entgegen, wenn ich wieder über 1000 Höhenmeter bewältige. Wenn ich meinen Körper spüre. Gedankenlos bin und Richtung Tal fliege. Ich freue mich auf den Moment, wenn ich die Schlinge um den Hals lege. Nicht, dass ich will, dass sie zuzieht, ganz im Gegenteil. Ich will solange wie möglich immer wieder den Rausch der letzten Sekunden erleben. Scheinbar kontrolliert und selbstbestimmt. Nur die Natur kann mich richten.

19. Juni 2026