Zurückgelassen
Seit 3 Jahren arbeite ich am Wochenende als Lieferant. In dieser Zeit habe ich tausende Wohnungen gesehen. Tausende „lustige“ Fußmatten. Tausende Flure. Tausende Leben und Schicksale. Von der Villa mit gepflasterter Auffahrt und Hausdame bis zur Messie-Einraumwohnung im grauen Plattenbau. Ich kenne den Durchschnitt. Weiß, wie es riecht. Wie es klingt. Wie es aussieht in den Wohnungen einer deutschen Großstadt.
Die Lebensrealität der Mehrheit ist traurig. Viele leben dunkler, dreckiger und einsamer, als ich es mir je hätte vorstellen können. Ich habe unzählige Geschichten über: Trinkgeldkultur, Interaktion mit Bediensteten, Sozialstruktur in Deutschland etc. Doch ich will mich vorerst auf einen einzelnen Aspekt beschränken, weil er mich am meisten beschäftigt.
Es gibt da eine besondere Kundengruppe. Ich nenne sie die „Zurückgelassenen“. Ihre Ehepartner sind verstorben. Kinder und Enkel in der Welt verstreut. Langsam öffnen sie die Tür. Schauen mich mit erschöpften Augen an, aber freuen sich über den Besuch. Anhand der brüchigen Stimme merke ich, dass ich ihr einziger Kontakt des Tages bin, vielleicht sogar der ganzen Woche. Ihre kleinen, zerbrechlichen und gekrümmten Körper zeigen mir zittrig den Weg zur Küche, wo ich die Lebensmittel sowie das Wasser abstelle. Die Wohnung riecht nach Einsamkeit und Verwahrlosung. Ich bin ihre lebenserhaltende Maßnahme. Verwandte bestellen aus der Ferne. Ich liefere wöchentlich das Notwendigste. Die Zurückgelassenen sind am Ende. Sie warten auf Erlösung. Bis dahin läuft der Fernseher auf Maximallautstärke. Das ist Lebensrealität vieler über 80-Jähriger.
Aber es geht weitaus schlimmer. Nach mehrmaligem Klingeln öffnet mir ein unrasierter Opa mit zerzausten Haaren und nur in Unterhose die Tür. Er ist im Vollrausch. Die Wohnung zugemüllt, dreckig, stinkend. Ich verstehe kein Wort von dem, was er mir lallend sagen will. Er riecht so eklig, dass ich die Luft anhalten muss. Zumindest erkennt er mich als Lieferant. Die Familie schickt Nachschub, um diese jämmerliche Existenz mit minimalem Aufwand zu verlängern, anstatt sich wirklich zu kümmern. Ein Witwer, ein Vater, ein Opa, verlassen von allen. Einzig die Erinnerung an liebevolle Zeiten mit vertrauten Menschen ist ihm geblieben.
Das ist kein Einzelfall. Jeder von uns hat zurückgelassene Nachbarn. Menschen im Umkreis, die fertig sind und warten. Ich habe keine Lösung oder Appell, nur die egoistische Angst, genauso zu enden.
❤
29. Mai 2026
