Pynobel
Seit der Grundschule quält mich die deutsche Rechtschreibung. Davor war es egal. Der Inhalt war entscheidend. Die Menschen waren zufrieden und voller Lob, wenn sie mein Anliegen verstanden. Plötzlich gab es feste Regeln. Richtig und falsch. Freizeit, Urlaube sowie Wochenenden wurden durch Dosenwörter entweiht. Freizeit verlor ihre Freiheit, wurde unangenehm stressig. Diktate stundenlang geübt, um trotzdem wie ein Junkie zitternd und schwitzend zu versagen. Mit Glück als ausreichend bewertet, war mir klar, dass ich dumm bin.
„Man hört doch, wo das Komma hin muss.“, löst bis heute erstauntes Kopfschütteln bei mir aus. Ich werfe sie einfach in unregelmäßigen Abständen in den Text, weil ich weiß, dass sie dazugehören. Sie sind das Salz in der Suppe. Meine Suppe ist entweder zu lasch oder versalzen. Aber ich will meine Gedanken mitteilen. Und so übe ich täglich, wahrscheinlich bis zum letzten Tag, mit jedem einzelnen Satz.
Die Probleme fangen bei den Satzzeichen jedoch erst an. Maschine, Machine, Maschiene oder Machiene? War die Frage bei der Musterung. Obwohl 10 Jahre älter, war ich gleichermaßen am Zittern und Schwitzen, wie damals beim Diktat. Die Scham über die eigene vermeintliche Dummheit war unverändert. Ich kam mir vor wie bei „Wer wird Millionär?“ und hätte am liebsten meine Mutter als Telefonjoker angerufen, die mir anstelle der Dosenwörter einfach die richtige Antwort sagt. Stattdessen musste ich raten. Eine Laufbahn als Scharfschütze wäre angeblich passend. Inwiefern meine Unfähigkeit dafür ausschlaggebend war, wurde mir nicht mitgeteilt. Vermutlich ist es nur wichtig, wie man die „Maschine“ benutzt, nicht wie man sie schreibt.
Mein Weg war ein anderer. Dank der digitalen Rechtschreibprüfung entstanden zwei Abschlussarbeiten an der Uni. Fachbedingt bestehen diese glücklicherweise nur geringfügig aus komplexen Sätzen, doch ohne Softwareunterstützung hätte mir niemand ein Abschlusszeugnis überreicht. In früheren Zeiten wäre ich mit den Händen auf dem Bau tätig.
Wenn ich fehlerhafte Texte veröffentliche, dann liegt es an schlechter Software, die meine Gedanken noch nicht direkt in Text speichern kann. Es existieren zu viele ähnliche Wörter, deren Richtigkeit erst aus dem Kontext erkennbar wird. Woher soll der Algorithmus wissen, dass ich mit meiner Frau nicht das Mauerwerk abdichten will, sondern Lust auf einen Restaurantbesuch habe?
Also falls ich mal wieder zum gemeinsamen Schlämmen einlade, lobt sie mich für meine pynoble Ausdrucksweise. Pynobel ist Verständnis, Akzeptanz und liebevoller Hinweis in einem. Pynobel steht für Kreativität, für Neues, für Unangepasstheit. Pynobel ist Spaß an Sprache.
Pynobel ist Lob, wodurch die Scham verschwindet.
❤
23. Mai 2026
