Teilzeit

Am Tag der Arbeit starte ich in die Lifestyle Teilzeit. Papa Merz ist enttäuscht, weil ich Deutschland hängen lasse. Leistungsträger rollen die Augen. Jeder hat eine starke Meinung zum Thema. Ich versuche alles zu verarbeiten. Hoffnung und Zweifel wechseln sich minütlich ab. Bin ich faul? Bin ich unfähig? Bin ich auf dem richtigen Weg? Gerade bin ich erschöpft. Nicht vom Arbeitspensum, sondern von der erdrückenden Belanglosigkeit. Akademisierung in den Schwachsinn. Ausgebildet für stupide Meetings. Uniabschlüsse für Aufgaben ohne Sinn. Die Maschine muss am Laufen gehalten werden. Ich produziere digitale Dokumente für ein monatliches Schmerzensgeld, was über den Persönlichkeitsverlust hinwegtrösten soll. Aber wozu und für wen?

Schicke mich 10 Stunden nach draußen zum Anpacken. Alles ist in Ordnung. Setze mich 10 Stunden ins Büro. Ich will mich erschießen. Jede E‑Mail saugt etwas mehr Leben aus meinem Körper. Jede Präsentation färbt meine Seele ein wenig grauer. Gedanken verlieren sich in der Dunkelheit. Ein Strudel aus Scheiße. War das der Plan? Welcher Plan? Meiner? Und warum habe ich so viele Fragen und so wenige Antworten? Das Leben ist verwirrend. Mein Leben ist verwirrend. Vielleicht ist deines ja ganz klar. Ich jedenfalls stolpere einfach von einen Tag in den nächsten. Lange mit der Hoffnung auf Erkenntnis, mein „Ding“ zu finden. Meine Berufung, die mir Schwung gibt, anstatt zu ermüden. Mittlerweile bin ich nur noch ein beobachtender Passagier im Zug des Lebens. Es passiert einfach. Ich lasse es geschehen.

Hoffnung schwindet mit der Zeit. Ernüchterung macht sich breit. Vielleicht ist mein Weg abschüssig. Führt irgendwohin, wo ich nicht sein will. Ich bin wie betäubt, bewegungsunfähig und leer. Mit zugekniffenen Augen versuche ich die nächste Kurve zu erahnen, doch alles verschwimmt im Dunst. Zukunft ist unsicher. Gegenwart geschieht. Vergangenheit verblasst.

Wer bin ich? Wer will ich sein? Wo und wie will ich leben? Die gleichen Fragen seit Jahrzehnten. Wird es helfen nur teilweise die Seele zu verkaufen? Nein, sicher nicht. Vielleicht beschleunigt es sogar meinen Niedergang. Schließlich verliere ich die stützende Struktur des Arbeitsalltags. Doch da ist ein kleiner Funke. Der Wunsch nach innerer Ruhe. Nach dem Ankommen. Der Erfüllung.

Gerne würde ich die Welt für einen Tag aus den Augen eines BlackRock-Soldaten sehen. Ist das deren Erfüllung? Oder ist es alles eine Frage der Schmerzensgeldhöhe? Vielleicht gibt es eine mir unbekannte Größenordnung, ab der Persönlichkeit optional für Glückseligkeit ist. Oder es gibt tatsächlich Menschen, die ihr Glück bei wöchentlich 50 Stunden Neonröhrenbestrahlung in den Büros der Republik finden. Mein Weg ist es nicht. Ich kenne ihn noch nicht. Vielleicht werde ich ihn nie klar sehen, aber ich beobachte neugierig die Welt durch die Scheibe meines Waggons. Kilometer um Kilometer. Kurve um Kurve. Ganz ohne Erkenntnis.

1. Mai 2026