Parkbank

Auf dem Papier bin ich Mitte 30. So langsam sollte sich ein Gefühl von erwachsen einstellen. Offensichtlich sehen es Fremde. Bei jedem Sie oder Herr schaue ich allerdings erschrocken über meine Schulter, ob mein Vater hinter mir steht. Nichts hat sich innerlich geändert. Spiegel vermeide ich. Vielleicht sollte ich mich öfter betrachten, um mein Selbstbild mit der Wirklichkeit abzugleichen. Stattdessen versuche ich mir vorzustellen, wie es wohl mit 80 sein wird.

Noch immer die melancholischen Post-Hardcore Bands hörend, schiebe ich den Rollator zum Supermarkt. Ich kaufe mir Erdnuss Flips. Setze mich auf die Parkbank und beobachte. Menschen laufen vorbei. Ohne einen Blick in meine Richtung. Ich fantasiere mir wilde Lebensgeschichten aufgrund des ersten Eindrucks zusammen. Die Kleidung verrät vieles. Die Gangart noch mehr. Doch in den Augen zeigen sich die Ängste, Wünsche und Träume. Deshalb suche ich den Kontakt. Mache auf mich aufmerksam. Huste. Räuspere mich. Oder falls ich besonders neugierig bin, frage ich nach der Uhrzeit. Nur um einen kurzen Blick zu erhaschen, der mir ihre Geschichten offenlegt.

Alte Männer sind optisch so langweilig wie weiße Raufasertapete. Weshalb sie ebenso wenig betrachtet werden. Da fehlt die Ästhetik, der Kick, das gewisse Etwas, um Aufmerksamkeit zu erregen. Vielleicht werde ich extravagant. Der verrückte Opa der Stadt. Ein rosa Tutu könnte helfen. Nach ein paar Wochen wäre jedoch alles wieder schrecklich gewöhnlich für meine Mitmenschen. Ein neuer Kick müsste her.

Wer hätte gedacht, dass Rentner sein, so anstrengend wird? Ich muss irgendwie interessant bleiben. Ich will ihre Geschichten wissen. Nicht den Bezug verlieren. Ein Teil der Gesellschaft sein. Es gibt keine Alternative. Alte Menschen mit alten Problemen in alten Wohnungen und alten Klamotten kann nicht die Zukunft sein. Wird nicht mein Leben.

Aktuell ist alles gut. Ich werde gesehen. Blicke verfangen sich ganz automatisch. Gedanken werden wortlos ausgetauscht. Spannende Geschichten fliegen mir täglich zu. Das Leben ist interessant. Ohne Tutu, ohne Bemühungen, spielend leicht entsteht der Kontakt. Ich zwinge mich diesen Zustand bewusst zu genießen, weil mir dessen Vergänglichkeit schmerzlich bewusst ist. Wir verschwinden alle.

11. Mai 2026