Wichspause

Während einer Schreibblockade über Schreibblockaden zu schreiben, ist das Klischeehafteste, was es gibt in der Welt der Autoren. Allein dieser Satz macht mich krank. Trotzdem tippen es meine Finger in den Computer als gäbe es kein Morgen. Seit Tagen starre ich den tickenden Cursor an. Er erniedrigt mich in jeder Sekunde seiner Existenz. Wie magersüchtige Sneakermädchen erbrechen meine zehn Fettfinger über der Tastatur; banale Scheiße, ohne Tiefe, ohne Witz oder Verstand.


Habe ich die Verbindung verloren? Die Verbindung zu meiner inneren kreativen Mitte. Was für ein Nonsens, ich vermisse vielmehr den Selbsthass, der mich seit Jahren vorangetrieben hat. Stillstand im Oberstübchen. Warum gibt es eigentlich keine Vorsorgeuntersuchungen für Kreative? Ich glaube, ich muss umschulen. Vielleicht sollte ich Lehrer werden oder Blowjobs verteilen, scheint mir irgendwie ehrenhafter. Aber stattdessen bin ich ein Wortschieber mit leerem Zettel, der auf den Einschlag des Meteoroiden „Deadline“ wartet. Im Staat der hoffnungslosen Fälle habe ich mit Sicherheit ein Denkmal, ein extra schäbiges mit meinem Sackgesicht als Wappen. Sinnlose Gedankenketten reihen sich aneinander. Manchmal würde ich sie gerne in einem Kolosseum gegeneinander kämpfen lassen. Keine Pointe vorhanden. Bitte basteln Sie sich hier ihre Eigene.


Der Text ist tot, lang lebe der Text.


Ich versuche Brücken zu schlagen, Worte und Ideen zu recyceln, ohne Erfolg. Mindmaps, Brainstorming, wie es im Workshop für junge Kreative empfohlen wird. Nicht das ich jemals einen davon besucht hätte. Freunde von Freunden teilten ihre Erfahrung mit mir. Aussichtslos, keine Substanz zu finden, hinter jeder Ecke eine dunkle Leere. Halbsätze, die ins Nichts führen. Geduldig warte ich auf die surreale Macht der Fantasie. Doch die Ideenfabrik wurde offensichtlich aufgrund von steigenden Personalkosten mit samt aller Wortfließbänder ins Ausland verlegt. Den Umschlag mit meiner Kündigung muss die Post wohl verloren haben.


Sport soll helfen, neuen Schwung im Kopf zu bekommen, habe ich gehört. Ah, zu faul, ich entscheide mich für eine kurze Wichspause, ist ja fast das Gleiche. 10 Minuten nicht erniedrigt wurden, nur der Erniedrigung zugeschaut. Ich fühle mich stressfreier, aber auch deutlich erbärmlicher als vorher, war es das wert? Selbstekel macht sich breit. Könnte das mein neuer Antrieb sein? Fanatisch forme ich die ersten Sätze. Fick dich Cursor, jetzt zeige ich dir, wo es lang geht. Wolken lichten sich, Logik setzt ein, Wortallianzen finden sich. Ich stürze dich vom Elfenbeinturm. Mein Einsiedlerdasein in der Verdammnis leerer Worthülsen wird ein Ende finden. Eine Überprüfung des ersten Paragraphen zeigt die Katastrophe. Keine Änderung in Sicht, immer noch absolute Grütze ohne Sinn und Verstand. Nach der Löschung des Textes beginnt die Erniedrigung von vorne, nur härter; jedes Aufleuchten ein Peitschenhieb gegen mein zerbrechliches Ego.

Für mich ist der Tag gelaufen. Ich werde mich einige Stunden heulend in die Dusche setzen und mein Leben hinterfragen. Anschließend das Internet nach Stellenanzeigen für Quereinsteiger durchforsten. Bin mir noch nicht sicher, in was ich quer einsteigen sollte, aber es klingt bereits lebensbejahender als ein schreiender Cursor.

17. Januar 2019