Trauerweide
Das Ortsschild leuchtet kurz im Scheinwerferlicht auf. Ein vertrautes Gefühl wohliger Wärme ist spürbar. Trotz der langen Abwesenheit hat sich auf den ersten Blick nichts verändert. Es sind die gleichen tristen Häuser meiner Kindheit. Jede Kurve erweckt Erinnerungen und jeder Baum löst Heimatgefühle aus. Während ich in die Straße meines Elternhauses einbiege, schlucke ich den Klos im Hals herunter. Mit wässrigen Augen zögere ich kurz, als ich vor der Klingel stehe. Obwohl vieler neuer Namen am Klingelschild des Mehrfamilienhauses, fühlt es sich genau wie früher an, sogar die Lampe über den Briefkästen flackert wie damals. Die Haustür öffnet sich und ich steige die sechs Etagen hinauf. Überschwängliche Begrüßung meiner geliebten Eltern. Anschließend schneller Rückzug in mein Jugendzimmer oder das Gästezimmer, wie sie es jetzt nennen. Erschöpft von der tagelangen Heimreise, schlafe ich sofort ein.
5 Uhr in der Früh werde ich vom Jetlag geweckt. Eine niedliche Nachttischlampe hüllt diesen für mich magischen Raum in ein sanftes Licht. Ungeachtet der neuen Möbel sowie der neuen Wandfarbe, habe ich das seltsame Empfinden schnell meinen Rucksack packen zu müssen, um den Bus zum Gymnasium zu erwischen. Am Frühstückstisch fällt mir erstmals auf, wie alt mein Vater geworden ist. Vermutlich war ich gestern Abend zu müde für diese Beobachtung. Sein lichtes, graues Haar, seine schlaffe Haut und die eingefallene Haltung, so völlig anders als ich es abgespeichert hatte. Meine Mutter reicht mir ihre selbstgemachte Himbeermarmelade, auch sie ergraut mittlerweile. Gesättigt vom ungewohnt reichhaltigen Frühstück, beschließe ich, einen Spaziergang zu meinen Lieblingsplätzen der Umgebung zu unternehmen. Ich gehe den Radweg entlang, hinter zum versteckten Waldteich, wo die einsame Holzbank steht. Friedlich lausche ich den Vögeln und genieße die warmen Frühsommerstrahlen auf der Haut. Leichter Wind weht mir den Duft von Hölzern sowie der nahen Wildblumen in die Nase. Ein Plätzchen so im harmonischen Einklang mit der Welt, dass es unwirklich erscheint, fern des hektischen Treibens der letzten Großstadtjahre. Vieles hat sich für mich geändert, doch hier scheint alles gleich. Auf dem Rückweg schaue ich beim Einkaufszentrum vorbei. Plötzlich überkommt mich erneut dieses Vergangenheitsgefühl. So oft bin ich hier gewesen, so oft diesen Weg gegangen, so oft kaufte mir meine Oma eine Zeitung in dem kleinen Kiosk. Es ist bereits Mittag, weshalb ich zurück nach Hause laufe. Beim Gedanken an den Feiertagsbraten meiner Mutter läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Nur noch schnell zu meinem Lieblingsbaum, eine prächtige 15 Meter hohe Trauerweide, deren riesige Äste immer beeindruckend sanft im Wind schwankten. Bei ihrem Standort angekommen, breche ich hemmungslos in Tränen aus. Außer einem gewaltigen Baumstumpf erinnert nichts an ihre Existenz. Ich habe sie seit frühester Kindheit geliebt. Sie hat mich in Gedanken all die Zeit in der Fremde stets begleitet. Unbemerkt hat sie sich verabschiedet, ist ohne Vorwarnung verschwunden. Fassungslos lässt sie mich hier alleine zurück. Ich sacke mit einer Mischung aus Trauer und Entsetzen in mir zusammen. Der Schmerz drückt übertrieben stark auf mein Herz. Zuhause umarme ich emotionsgeladen meine Eltern und setze ich mich mit der Hoffnung an den Tisch, dass die Köstlichkeiten wie Balsam meine Wunde schließen werden.
Zwei Tage später verabschiede ich mich in der Dunkelheit von meinem Viertel. Die vermeintliche Pflicht ruft aus der Ferne, sodass ich zum Flughafen aufbreche. Abermals verlasse ich meine ergrauten Eltern mit einem herzlichen „Ich liebe euch!“. Ich sage Tschüss zur Geborgenheit des Elternhauses sowie zur Vertrautheit jeder verwinkelten Straße meiner Heimatstadt. Im Moment als ich das Ortsschild im Rückspiegel sehe, ist der Entschluss gefallen. Ich werde zurückkommen, nicht in Jahren und für kurze Zeit, sondern in Wochen und für immer. Ich darf keinen Abschied mehr verpassen.
❤
11. Januar 2019
