Chemnitz

Der Riss in meiner Seele. Mittlerweile verheilt. Nur noch eine Narbe, die juckt. Nicht täglich, doch von Zeit zu Zeit spüre ich das Trauma. Diese Stadt verkörpert pure Zerrissenheit. Aufbruch und Untergang. Freundschaft und Einsamkeit. Frau und Mann. Licht und Dunkelheit. Kein Satz kann meine Beziehung zu ihr in Gänze beschreiben. Sie hat mich geformt, aber auch fast vernichtet.

Im Sinne der Aufarbeitung streife ich nach 10 Jahren wieder durch die Straßen. Mit genügend Abstand besuche ich schmerzhafte Orte. Erinnerungen kommen hoch. Die gleichen Gefühle wie damals, lassen mich kurz zweifeln, ob die Rückkehr eine gute Idee war. Ich schleiche, bemüht unauffällig, über die Flure meiner alten Uni. Allein der Geruch lässt meinen Puls steigen. Da ist eine seltsame Mischung aus Hass und Dankbarkeit in mir. Wie bei dem strengen Mathelehrer, den man nicht ausstehen kann, weil er einen zum Abitur prügelt. In der Rückschau ist man dankbar, weil der Arschtritt notwendig war. Chemnitz war notwendig.

Dieser hoffnungsvolle Aufbruch in die Eigenständigkeit zu Beginn des Studiums. Das ganze Wissen. Die persönliche Weiterentwicklung. Stetiges Wachstum dank einem endlosen Fluss an herausfordernden Aufgaben, sowohl fachlich als auch sozial. Lebenslange Freundschaft. Unsere Träume konnten nicht groß genug sein. Alles schien möglich und greifbar. Wir waren die Zukunft.

Allerdings ist die Mehrheit meiner Erinnerungen dunkel. Schmerzhaft erdrückend. Farblos. Vieles habe ich seither verarbeitet: Stress, Selbstzweifel, Leistungsdruck, Versagensangst, Panikattacken, Depressionen, Todeswunsch.

Ich komme klar, aber es erfordert Kraft, ich zu sein.

Fairerweise muss festgehalten werden, dass die Stadt selbst nichts dafürkann. Jede Stadt hätte der Riss in meiner Seele sein können. Ich hatte einfach Probleme. Mit mir selbst und der Welt. Fühlte mich falsch. Wollte, dass es aufhört. Chemnitz war einfach da. Hat sich mit meiner Dunkelheit verbunden. Jede Ecke dieser Stadt war negativ für mich. Nicht ich war am falschen Ort zur falschen Zeit, sondern Chemnitz hatte den falschen Menschen zur falschen Zeit aufgenommen.

Therapie, Reflexion, Liebe und Zeit haben geholfen. Es ging weiter. Deshalb stehe ich wieder im Hörsaal. Versuche nicht zu weinen. Auf gar keinen Fall will ich von Studierenden angesprochen werden. Das Einzige, was ich will, ist abschließen. Mit dieser unwirklichen Zeit. Ich will Frieden schließen mit dieser Stadt. Mit meinen Erinnerungen. Mit der Vergangenheit. Mit mir.

18. Mai 2026