Müdigkeit
Der Verfall ist spürbar. Kein Tag ohne Zwicken, Ziehen, Drücken oder Schmerzen. Ich gehöre jetzt auch zu denen, die Geräusche beim Hinsetzen und Aufstehen machen. Es kam einfach. Von jetzt auf gleich war es notwendig. Eine kleine Erlösung. Einerseits bin ich so fit wie nie, weil ich aktiv gegen die Degeneration ankämpfe. Andererseits merke ich, wie die Regeneration länger dauert. Das Gesicht im Spiegel wird zunehmend fremd. Schon merkwürdig, wie wir so vor uns hinleben und plötzlich sind wir alt. Studierende siezen mich jetzt. Jedes Sie ist ein Stich ins Herz.
Gleichzeitig hat sich über die Jahre scheinbar nichts an meiner Psyche geändert. Eine Zeit lang hatte ich den Eindruck, meine Probleme durch Therapien in den Griff bekommen zu haben. Fühlte mich stabil. Doch die Dämonen sind noch da. Ich spüre sie. Manchmal mehr, manchmal weniger. Im Moment fühle ich mich fertig. Ich bin erschöpft. Leben ist anstrengend, überfordernd und sinnlos. Zu laut. Zu viel. Zu schnell.
Ich bin wieder auf dem Sprung. Will mich mit nichts und niemandem auseinandersetzen. Lasst mich einfach einschlafen.
Es beginnt langsam. Gedanken, die lange im Hintergrund geblieben sind, treten wieder nach vorne. Sie zwingen sich auf, umklammern mich, ziehen mich in unbeleuchtete Ecken. Essen wird zum Problem. Sport wird zum Problem. Menschen werden zum Problem. Alles wird zum Problem. Entweder zu viel oder zu wenig. Das Schwarz-Weiß-Karussell beschleunigt bis zu dem Punkt, dass ich mich nicht mehr festhalten kann. Ich verliere den Halt und fliege davon. Mir fehlt in diesen Phasen das gesunde Mittelmaß. Es existiert nicht.
Wenn meine Destruktivität am Maximum ist, muss ich permanent gegensteuern, keine endgültige Entscheidung zu treffen. Jeder Lastwagen, der in greifbarer Nähe mit 60 km/h am Fußweg vorbeidonnert, zieht mich magnetisch an. Nur ein Bruchteil einer Sekunde. Ein tägliches Ringen gegen solche Impulse. Kein Wunder, dass ich müde bin.
Ratschläge von Menschen, die nie das Gleiche gefühlt haben, sind das Schlimmste: Mache doch das, was dir Freude bereitet. Da ist nichts! Ich bin gefangen in Zwängen und Ängsten. Mache ich nichts, muss ich etwas machen. Habe ich viel zu tun, will ich nichts tun. Bin ich unter Menschen, will ich alleine sein. Bin ich alleine, zerfrisst mich die Einsamkeit. Egal welcher Zustand, ich habe keine Lust zu leben. Die Luft ist raus. Mein Blickfeld verengt sich. Der Druck auf der Brust wird unerträglich.
Trotzdem bleibe ich hier. Nicht für mich, sondern für die anderen. Menschen, die ich liebe und die mich lieben. Aber ich erwarte nichts mehr. Habe schon lange abgeschlossen. Zwischendurch vergesse ich es, dann kann ich entspannt vor mir her existieren. Bin ein funktionierender Teil der Gesellschaft. Unauffällig, ruhig, etwas kauzig.
Ohne Ziele, Wünsche oder Träume laufe ich durch die Welt und sehne mich nach Schlaf.
Mittlerweile weiß ich, dass der Todeswunsch vorbeizieht. Nur eine quälende Momentaufnahme. Ein Gruß der Dämonen. Was bleibt, ist die Verlorenheit. Die innere Leere aufgrund meiner sinnlosen Existenz. Monumentale Müdigkeit.
❤
I tried so hard, and got so far.
But in the end, it doesn’t even matter.
Linkin Park
❤
20. Juli 2026
