Trubel
Montagmorgen. Ich sitze auf einem von diesen Massagesesseln, die es nur in Einkaufspassagen gibt. 2€ für 10 Minuten gefühlloses Gerüttel. Noch nie habe ich den Reiz dieser Maschinen verstanden. Keine Wärme, keine Hingabe, keine Liebe. Nur die mechanische Simulation von dem, was man eigentlich will, oder besser gesagt, was wir brauchen. Massagesessel sind die Vibratoren und Taschenmuschis des öffentlichen Raumes.
Meine Gedanken ziehen ihre wirren Kreise, während ich die Putzfrau beobachte, wie sie von links nach rechts den Boden wischt. Sie hört Musik und befindet sich in ihrer eigenen Welt. Sie ist Anfang 40, sieht müde aus, aber scheint gute Laune zu haben. Es ist so zeitig, dass die Rolltreppen stillstehen. Alle Geschäfte sind geschlossen. Der Geruch von frisch aufgebackenen Käsebrezeln liegt in der Luft.
Ich bin gerne zu ungewöhnlichen Zeiten an alltäglichen Orten.
Egal, ob nachts im Büro oder sonntags um 5 Uhr in der Sächsischen Schweiz auf der Bastei. Ich mag das Gefühl, der Erste bzw. der Letzte zu sein. Je nachdem von welcher Seite man es betrachtet. Plätze, die sonst voller Hektik sind, werden friedlich. Der ganze Trubel, der hier üblicherweise herrscht, ist noch wahrnehmbar, aber die Welt ist erträglich. Normalerweise ist mir alles zu viel, weshalb ich meistens Kopfhörer trage. Ich bin schnell überwältigt von Gruppen.
Paradoxerweise liebe ich Menschen. Ich finde die individuellen Lebensgeschichten spannend. Will verstehen, wie andere denken und fühlen. Bin interessiert. Leider sind wir Herdentiere, was mich dazu verdammt, aus der Ferne zu beobachten. Jeder trägt seinen Rucksack mit Problemen, Lücken und Ängsten mit sich herum. Oft denke ich im Alltag, dass ich für einen Tag die Welt aus den Augen meines Gegenübers wahrnehmen möchte. Ob es der Kollege ist, der übertrieben ehrgeizig seinem Karriereplan hinterherjagt, oder die Freundin, die ständig zu selbstkritisch ist. Oder eben die Putzfrau, welche Montagmorgen durch die Gänge der Einkaufspassage schwebt. Nur einen Tag möchte ich mit ihnen tauschen, um sie besser zu verstehen.
Was beschäftigt die anderen? Ist die Frage, die mir keine Ruhe lässt. Pure Neugier oder der Wunsch nach Erkenntnis, was uns eint? Vielleicht ist genau das der Grund für mein Problem. Bei Einzelpersonen kann ich mich noch hineinversetzen. Es entstehen Bilder im Kopf. Erklärbare Lebensgeschichten. Bei Menschenansammlungen bricht mein System zusammen, weil es zu viele Eindrücke gibt. Zu viele Möglichkeiten. Zu viele Energien, die auf mich einwirken, sodass nur Abschottung hilft, um nicht verrückt zu werden. Ich will dann allein sein, ohne einsam zu werden.
Aufgrund meines eigenen Rucksacks schwimme ich im Alltag meistens alleine vor mich hin. Das Gewässer ist trüb und farbenfroh zugleich. Ich besuche Orte, wo normalerweise das Leben tobt, wenn sie fast leer sind. Ein paar vereinzelte Individuen, die mir das Gefühl geben, nicht komplett verloren zu sein. Ich betreibe Nachlese oder bin die Vorhut.
❤
23. Juni 2026
