Flughafen

Ich liebe Flughäfen. Vorab, aus ökologischer Sicht sind sie komplett Scheiße. Punkt. Ich weiß das.

Gleichzeitig gibt es fast nichts auf der Welt, was mich so fasziniert. Irgendwo auf einem freien Feld wird ein gigantischer Industriebau aus Stahl, Beton und Glas errichtet. Monumental, gewaltig, unvergleichbar. Menschen setzen sich in tonnenschwere Blechbüchsen, die mit unfassbarer Lautstärke abheben, um stundenlang Abgase zu verteilen. Hunderte Menschen, die sich davor nicht kannten und danach nie wieder sehen werden, kuscheln sich auf engsten Raum zusammen. Vollkommen wahnsinnig. Ein Sinnbild der Menschheit.

Wenn ich Nachdenken muss oder will, dann setze ich mich in die Wartehalle. Dieser unnatürliche Ort hat eine zutiefst meditative Wirkung auf mich. Ich schaue aufs Rollfeld. Beobachte wie Piloten einen letzten Check machen und Koffer liebevoll in die Blechdose geworfen werden. Während zum 10-mal die Ansage zu verlassenen Gepäckstücken über die Lautsprecher ertönt.

Ich weiß genau, woher meine Faszination kommt. Hier ist alles möglich. Ein Ort zum Träumen. Unendliche alternative Lebenswege könnten in diesem Augenblick initiiert werden. Ein Ticket und ich bin weg. Lebe als Pablo in Spanien mit einem Motorradverleih. Oder bin Tauchlehrerin Helena auf Korfu. Oder Taxifahrer James in London. Ok, das vermutlich eher nicht. Linksverkehr ist noch verrückter als Fliegen. Aber der Gedanke beruhigt mich. Wenn ich endgültig keine Lust mehr habe, kann ich spontan am magischen Ort der Möglichkeiten ein neues Kapitel schreiben. Mich neu erfinden. Losgelöst von der Vergangenheit. Der alltäglichen Realität.

Nach der Tagträumerei fahre ich wie immer zufrieden nach Hause. Mir genügt diese kleine Auszeit. Die reine Vorstellung eines anderen Lebens. Egal, ob ich Pablo, Helena, James oder ich bin. Der Drang abzuhauen und von vorne zu starten, ist mir angeboren. An jedem Ort der Welt, als jeder Mensch der Welt, würde ich mich danach sehnen ein anderer zu sein. Ein neues Leben zu beginnen. Frei zu sein.

„Die größte Freiheit ist die Möglichkeit abzuhauen.“

Wladimir Kaminer – Russendisko

15. Mai 2026