Sturzflug

Wovon träumen die Tauben? Solche Gedanken sind mein Alltag. Plötzlich sind sie da. Keine Ahnung, woher sie kommen oder wohin sie gehen. Sie rauschen vorbei. Ich versuche, hinterherzukommen. Meistens denke ich vergeblich über den Sinn nach. Hat sich mein Gehirn versprochen? Wovon träumen die Toten? – ist irgendwie poetischer. Aber es sind die Tauben, die mich beschäftigen. Mein Unterbewusstsein spricht in einer fremden Geheimsprache zu mir, als ob Feinde zuhören würden. Vielleicht weiß es mehr als ich. Will mir durch die Blume Informationen vermitteln. Ich checke es nicht.

Stattdessen starre ich in den leeren Raum. Keine Tauben im Büro zu sehen. Was verbindet mich mit ihnen? Es gibt keine Geschichten in mir, die theatralisch zu erzählen bereit wären. Mich verbindet im besten Sinne nichts mit Tauben. Stimmt das? Die Stimme im Kopf bleibt hartnäckig.

Obwohl ich Atheist bin, gefällt mir die buddhistische Idee der Wiedergeburt. In meiner Wunschvorstellung träume ich manchmal davon, als Vogel durch die Alpen zu fliegen. Als Adler in die Tiefe zu stürzen, ist bestimmt großartig. Zu keiner Sekunde habe ich mich jemals als Taube identifiziert. Es scheint jedoch meine einzige Verbindung zu Vögeln im Allgemeinen zu sein. Was also, wenn mir mein Unterbewusstsein mitteilen will: Das mit dem Fliegen und der Freiheit kann ich arrangieren, aber mehr als eine Taube bist du nicht. Bisschen träge, einfach gestrickt und immer etwas verwirrt. Kein Jäger, sondern ein Rumtreiber.

Liebevolle Vorwarnung oder fiese Beleidigung? Ich entscheide mich für ersteres, weil ich harmoniebedürftig bin und keine Lust auf einen Streit mit meinem Unterbewusstsein habe. Keine Zeit übrig, um mit mir selbst Konflikte auszutragen.

Wenn ich nun davon träume, eine Taube zu sein, träumen die Tauben davon, ich zu sein? Kann ich definitiv nicht empfehlen. Ein Tag mit meinen Gedanken, die sich pausenlos verlaufen, würde jede Taube bereuen. Würde ich den Tag als Taube genauso hassen? Was ist Hass eigentlich für ein seltsames Wort? HASS, HASS, HASS. Direkt erst mal googeln. Wikipedia hilft: vom vogelkundlich verwendeten Verb „hassen“ – (sich) stürzen auf.

Ok, jetzt wird es gruselig. Vielleicht ergibt alles einen Sinn. Die ganzen wirren Gedankenketten sind logisch. Sie tragen Wissen in sich, das ich oft nicht greifen kann, weil mir die Motivation fehlt. Jeder Gedanke führt zu Erkenntnis. Die Frage ist eher: Habe ich die Energie, ihnen nachzujagen? Meistens beobachte ich sie nur aus der Ferne. Nicht ich stürze mich auf sie, sondern die Gedanken stürzen sich auf mich. Vielleicht wäre ich deshalb gerne ein Adler. Einmal die Kontrolle haben, sich auf etwas stürzen und frei sein.

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„Ich bin ein langweiliger Typ und gerade noch intelligent genug, um es zu merken.“

Katharina Hagena in „Der Geschmack von Apfelkernen“

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26. September 2026