Großstadtrauschen

Ich lausche der Großstadt am offenen Fenster. Es ist ein eiskalter Montagabend Mitte Januar. Kein Regen oder Schnee, was auch seltsam wäre in Shanghai, und doch zieht klirrende Kälte in mein kleines Exil auf Zeit. Genau diese Frischluft brauche ich im Moment. Die letzten Tage waren durchsetzt von depressiver Selbstaufgabe und Schreibwut. Nie zuvor habe ich derartig viele Texte verfasst, dabei natürlich kaum meine 10 Quadratmeter verlassen, geschweige gegessen. Luft zum Schneiden, voller Ideen mit dem Geruch von bitterer Verzweiflung in jeder Ecke.

Depressive Episoden sind unwirkliche Phasen, fernab jeglicher Realität mit einer Fülle an dunkler Kreativität. Magische Gedankenkreise begleitet von progressiven Postrock Alben. Ein tiefer Atemzug hilft mir, nicht die Kontrolle zu verlieren, als ich aus dem 6. Stockwerk auf das geschäftige Treiben dieser Metropole schaue.

Vielfältige Geräusche mischen sich zu dem speziellen Klang einer Großstadt zusammen; hetzende Menschenmassen auf den Fußwegen, waghalsige Rollerfahrer überholen hupend, und natürlich ohne Helm, Lastwagen, summende Klimaanlagen und der Singsang chinesischer Sprache. Mein Blick schweift auf den nächsten Hochhauskomplex, der vom orangen Lichtsmog eingehüllt wird. Hunderte beleuchtete Fenster. Ich frage mich; wie viele Menschen hinter den Glasscheiben sitzen und ebenfalls in den Abgrund schauen?

Eine Stadt so unwirklich wie meine vergangenen Wochen; überhöhter Puls, chaotische Verwirrung. Die Ursache-Wirkungskausalität zwischen mir und der Stadt ist mir nicht klar. Tausende Geschichten, die sich alle nur peripher tangieren, aber doch verbunden sind.

Menschenmassen kuscheln sich beim morgendlichen Stress in die klinisch reine U-Bahn, ohne jemals ein Wort zu wechseln. Alle starren gemeinschaftlich auf ihre Smartphones. Kollektive Einsamkeit mit anonymen Berührungen. Seltsame Situationen an jeder Straßenecke. Ich fühle mich verloren, wie scheinbar alle an diesem Fleckchen Erde. Wir sind Getriebene.

Gänsehaut beendet meinen Gedankengang. Ich schließe das Fenster, um schlafen zu gehen. Mir fällt der Glücksbringer meiner Schwester herunter, weshalb ich beim Einschlafen an die geliebten Menschen in der Ferne denke.

21. Januar 2019