Arenal

Ich bin wieder auf Entdeckungstour. Diesmal in einer Welt, die mir noch völlig unbekannt ist. Als wäre ich ein Alien mit einem Aufklärungsauftrag. Mein Einsatzgebiet: Arenal. Ich stehe 2 Uhr nachts vorm Megapark am Ballermann und versuche, mich unauffällig zu verhalten. Offensichtlich wurde ich schlecht gebrieft. Es gibt einen Einheitslook, von dem ich nicht wusste, dass er existiert.

Die Männer tragen Adiletten mit weißen Socken, kurze Shorts und ein Fußballtrikot. Optional gibt es eine Sonnenbrille oder einen verrückten Hut dazu. Es scheint, als wäre das erklärte Ziel, möglichst hässlich gekleidet zu sein. Als wäre jedem alles egal. Dabei liegt hier so viel sexuelle Spannung in der Luft. Keiner will alleine die Nacht verbringen. Männergruppen nähern sich Frauengrüppchen. Im Gegensatz dazu sind die Frauen maximal sexy gekleidet. Minirock mit High Heels oder Bikini mit Netzkleid und Flipflops scheint die Vereinbarung zu sein.

Die Pärchen der Nacht sehen dermaßen skurril aus, dass ich mich wundere, warum nur ich das lustig finde. Obwohl die meisten zwischen 18 und 30 Jahre alt sind, wirkt es, als ob sexy Muttis ihre zu groß geratenen Söhne aus der Fußballumkleide abholen. Was sie aber verbindet, ist ihr Pegel, sowohl Lautstärke als auch Alkohol. Am Strand wird gepöbelt und gevögelt. Immer mit interessierter Zuschauerschaft in der Nähe.

Ein Sprachmix aus vielen deutschen Dialekten ist hörbar, dazwischen etwas Österreichisch und Niederländisch. Eine Parallelwelt im Paradies. Blaues Wasser, milde Nacht, funkelnder Sternenhimmel. Die Abiturienten und Studierenden versuchen, die Prüfungen, die vor oder hinter ihnen liegen, zu vergessen. Sie lallen scheinbar philosophische Gedanken in die Welt hinaus. Eine ganz normale Montagnacht auf der Promenade von Arenal.

Ich bin definitiv zu alt, um mich unauffällig in der Gruppe zu bewegen. Nachdem ich mir das für eine gewisse Zeit angeschaut habe, lege ich mich auf eine Strandliege und schlafe ein. Ich wache auf, weil keine 10 Meter von mir entfernt eine Studentin im Morgengrauen zum Höhepunkt gebracht werden soll. Er gibt sich im Rahmen seiner noch vorhandenen Möglichkeiten Mühe, aber ackert sich nur geräuschlos ab. Ihre Performance klingt nach Theaterstück, doch nicht gezwungen, sondern nach Wunschvorstellung. Ich kann also liegen bleiben und mir das Hörspiel anhören, ohne eingreifen zu müssen. Anschließend gehen sie Arm in Arm runter vom Strand. Ein Erlebnis, das später in den jeweiligen Freundesgruppen sehr unterschiedlich ausgewertet werden wird, da bin ich mir sicher.

Bei Sonnenaufgang stehe ich auf. Die Promenade ist jetzt fast ausschließlich von Einheimischen und Familien bevölkert, die laufen oder Fahrrad fahren. Der gleiche Ort, völlig andere Atmosphäre. Ich gehe durch die Straßen und verstehe die Mallorca-Liebe der Menschen. Die Meeresluft macht den Brustkorb weit. Die Sonne wärmt die kalte Seele. Ich setze mich in den Schatten, um hautkrebsfrei „Mein sanfter Zwilling“ von Nino Haratischwilis zu lesen. Eine Tragödie im Paradies. Ich liebe es. Also nicht das Buch an sich, sondern Kontraste im Allgemeinen. Tag und Nacht. Schwarz und Weiß. Den Zwiespalt der Gedanken. Die Widersprüchlichkeit von uns Menschen. Vermutlich ist das der Kern unserer Spezies.

26. Juni 2026